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LIEBET DEN FREMDEN!
Kurzpredigt von Robert Schmid
Als Jesus Christus vor 2000 Jahren Pontius Pilatus, dem Statthalter Judäas, vorgeführt wurde, stellte Pilatus Jesus die uralte Frage: "Was ist Wahrheit?" Niemand glaubt daran, dass Pilatus wirklich an der Wahrheit interessiert war und auch Jesus Christus glaubte nicht daran, also gab Er ihm auch keine Antwort. In Johannes 17 jedoch, als Christus zu Seinem Vater betete, beantwortete Er die Frage, indem Er sagte:
"Dein Wort ist Wahrheit".
Und natürlich ist das Wort des Vaters Sein Sohn Jesus Christus. Mit anderen Worten: Jesus Christus ist die Wahrheit. In Johannes 14 sagte sogar Jesus Christus selbst: "Ich bin die Wahrheit".
So einfach, wie sich das auch anhören mag: wir wissen, dass es nicht so einfach ist, denn sobald der Mensch ins Spiel kommt und anfängt, die Wahrheit zu interpretieren - das Wort Jesus Christus', welches natürlich die Bibel ist - haben wir am Ende allerlei Interpretationen der Wahrheit, die das gesamte Christentum, einschließlich der Kirchen Gottes, spalten und voneinander trennen.
Meine heutige Aufgabe besteht nicht darin, über das, was ich bereits gesagt habe, die Wahrheit zu definieren, hinauszugehen, sondern die folgende Frage zu stellen:
Wie wichtig ist Wahrheit?
Uns allen ist durchaus bewusst, dass die Meinungen über die Wahrheit auseinandergehen. Ich denke, es ist offensichtlich, dass wir nach der Wahrheit suchen sollten. Es ist offensichtlich ein nobles Ziel, sich für die Wahrheit einzusetzen und sie zu verteidigen. Die Frage, die beantwortet werden muss, ist diese: Wie weit sollte man gehen oder welche Maßnahmen sollte man ergreifen, um die eigene Interpretation der Wahrheit zu verteidigen?
Ich sage deswegen die eigene Interpretation der Wahrheit, weil wir wissen, dass all unser Verstehen, all unsere Wahrheit unvollkommen und unvollständig ist.
Die Tatsache allein, dass wir über unsere Interpretation der Wahrheit sprechen, sollte Ihnen einen Hinweis darauf geben, auf was ich hinaus will und um was es in dieser Kurzpredigt geht. Aber lassen Sie es mich anhand der folgenden wahren historischen Begebenheiten erklären.
Im Jahre 1915 lebte der französische Literaturnobelpreisträger namens Romain Rolland. Ich werde nun zitieren, was er in einer seiner Schriften sagte:
"Man soll die Wahrheit mehr als sich selbst lieben, aber seinen Nächsten mehr als die Wahrheit".
Lassen Sie mich das wiederholen und schreiben Sie es sich bitte auf, denn es ist die Basis dieser Kurzpredigt. Er sagte: "Man soll die Wahrheit mehr als sich selbst lieben, aber seinen Nächsten mehr als die Wahrheit".
Er begründete diese Aussage auf Deuteronomium 10, 19 und ich werde später noch einmal darauf zurückkommen. Merken Sie sich für den Augenblick, dass die Frage lautet: Wie wichtig ist Wahrheit? Und wie weit sollte man gehen, um sie zu verteidigen?
Um auf den Punkt zu kommen: Ich möchte Ihnen die wahre Geschichte zweier Menschen erzählen, die wegen einer Wahrheitsfrage verurteilt wurden, aber wie wir sehen werden, ihren Glauben mit ziemlich verschiedenen Konsequenzen verteidigten.
In Genf in der Schweiz gibt es einen Friedhof mit dem Grabstein - einem Monument - eines spanischen Theologen und Mediziners namens Miguel Serveto. Dieses Monument, so sagt man, ist eine ständige Erinnerung für reformierte Christen an etwas sehr beschämendes, das Herrn Serveto angetan wurde. Die "reformierten Christen" waren übrigens diejenigen, die sich vom Katholizismus abgewandt hatten und Anhänger Luthers, Calvins und anderer Reformatoren wurden.
Miguel Serveto wurde 1511 in Spanien geboren. Er war Mediziner und Theologe und studierte Rechtswissenschaften in Toulouse in Frankreich. Er unternahm ausgedehnte Reisen durch Europa und wurde mit einigen Anhängern der zu dieser Zeit stattfindenden Reformation bekannt.
Im Jahre 1531 veröffentlichte er ein Buch mit dem lateinischen Titel "De trinitatis erroribus", in dem er seine Überzeugung zum Ausdruck brachte, dass die Dreifaltigkeit ein Irrtum sei. Zusätzlich zu der Dreifaltigkeit lehnte er viele andere Konzepte der Reformationsbewegung ab und befand sich somit in Gegnerschaft zur katholischen als auch der neu entstehenden protestantischen Kirche.
1536 ging er nach Paris, um dort Medizin zu studieren. Er wurde eine herausragende Persönlichkeit und von 1541 bis 1553 war er der Privatarzt des Erzbischofs von Vienne. Doch in all dieser Zeit änderte sich nichts an seiner Überzeugung, dass die Dreifaltigkeit ein Irrtum sei und so veröffentlichte er 1553 heimlich eine theologische Abhandlung, in der er seine Ansichten ausdrückte.
Als man das herausfand, wurde er gefangen genommen und als Ketzer eingesperrt. Er entkam, wurde aber 4 Monate später in Genf in der Schweiz wieder verhaftet. Ein Ketzer ist übrigens "jemand, der die orthodoxe Theologie ablehnt", "ein Dissident der bestehenden kirchlichen Glaubenslehre", "ein Nonkonformist".
Wie wir sehen können, verteidigte Serveto das, was er für die Wahrheit hielt, indem er ins Gefängnis ging, aber das war erst der Anfang seiner Schwierigkeiten.
Zu dieser Zeit stand John Calvin, der französische Theologe und Reformator auf dem Höhepunkt seines Einflusses in Genf und Europa. Calvin jedoch zeigte in seiner Liebe für Gott und seiner Interpretation der Wahrheit nur wenig Liebe für seinen Nächsten, vor allem wenn jemand die geliebte Dreifaltigkeit anzweifelte. Und so wurde Miguel Serveto nachdrücklich von John Calvin der Ketzerei und Blasphemie beschuldigt und ebenfalls auf Drängen John Calvins am 27. Oktober 1553 auf dem Scheiterhaufen hingerichtet.
Um Ihnen eine ungefähre Vorstellung der Denkweise der Verteidiger der Wahrheit aus dem 16. Jahrhundert zu geben, lassen Sie mich aus einem Lexikon zitieren, in dem es heißt: Die Todesstrafe Servetos erregte so viel Aufsehen, dass die Hinrichtung von Ketzern zum ersten Mal ernsthaft von Theologen infrage gestellt wurde. Können Sie das glauben? Zum ersten Mal dämmerte es ihnen, dass vielleicht, aber nur vielleicht, etwas an ihrer Handlungsweise falsch sein könnte. Bis zu diesem Zeitpunkt hat man das eben so gemacht. Wenn man auf seiner Meinung über die Wahrheit bestand und diese eine andere war, als die der Theologen, dann wurde man einfach umgebracht, auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Kommen wir nun wieder zum Anfang zurück: "Man soll die Wahrheit mehr als sich selbst lieben, aber seinen Nächsten mehr als die Wahrheit." Können Sie erkennen, inwieweit Serveto und Calvin Beispiele für diese Aussage sind? Serveto liebte die Wahrheit mehr als sich selbst und gab sein Leben dafür, seinen Glauben zu verteidigen. Er hätte widerrufen können. Calvin andererseits liebte die Wahrheit mehr als seinen Nächsten und nahm diesem sein Leben. So viel zu den Menschen, die uns die Reformation gebracht haben.
Wenden wir uns nun Deuteronomium 10, 19 zu. Hier belehrt uns Gott durch Moses: "Auch ihr sollt die Fremden lieben, denn ihr seid Fremde in Ägypten gewesen".
Ein Fremder oder Gast ist im Allgemeinen jemand, der nicht zu Gottes Volk in Israel gehört, der einen anderen Glauben hat, einen anderen Gott anbetet und unter Wahrheit etwas anderes versteht als wir. Und doch lehrt uns Gott, diese Person zu lieben.
John Calvin und viele andere wohlmeinende Theologen, die dieselbe Bibel hatten - dieselbe Wahrheit, die Sie und ich haben - interpretierten die einfache und klare Wahrheit des "Liebe den Fremden" irgendwie als "Töte den Fremden", als "Verbrenne ihn bei lebendigem Leib auf dem Scheiterhaufen".
Ich weiß nicht, wie sie zu dieser Schlussfolgerung gekommen sind, aber ich vermute, dass sie alle sehr aufrichtig waren!
Warum möchte Gott, dass wir die Person aus einem anderen Land (einer anderen Kirchenorganisation), mit einem anderen Glauben, lieben oder, wenn wir schon dabei sind, warum möchte er, dass wir die Person lieben, die neben uns sitzt, die an andere Dinge glaubt als wir? Er möchte, dass wir sie lieben, weil wir - Sie und ich - einst Fremde waren und an merkwürdige und verschiedene Dinge glaubten. Deshalb sollten wir den Fremden lieben.
Ich habe nicht gesagt, "seid einer Meinung" mit dem Fremden!
Paulus drückte es in seinem Brief an die Epheser folgendermaßen aus:
Erinnert euch also [...] Damals wart ihr von Christus getrennt, der Gemeinde Israels fremd und von dem Bund der Verheißung ausgeschlossen; ihr hattet keine Hoffnung und lebtet ohne Gott in der Welt. [...] Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes. Ihr seid auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; der Schlussstein ist Christus Jesus selbst - wobei Christus Jesus selbst die Wahrheit ist.
Wie wichtig ist Wahrheit? Nun, das kommt ganz darauf an, wie wichtig Ihnen Jesus Christus ist!
Wie weit sollte man gehen, um die Wahrheit zu verteidigen?
Miguel Serveto ging so weit, dass er sein Leben dafür gab. Er liebte die Wahrheit mehr als sich selbst.
Sie müssen für sich selbst entscheiden, wie weit sie gehen wollen und können, um Ihren Glauben zu verteidigen und nach Ihrer Überzeugung zu leben.
John Calvin, der Theologe, liebte andererseits seine Interpretation der Wahrheit mehr als seinen Nächsten und tötete ihn.
Was kann man also daraus schließen? Verteidige die Wahrheit, ja - aber verteidige Deinen Glauben, verteidige die Wahrheit niemals, wenn Du Dich dadurch gegen den Fremden versündigst, wenn Du dadurch vergisst, Deinen Nächsten zu lieben wie Dich selbst, wenn Du Dich dadurch gegen Deinen Gott versündigst.
Denken Sie also an die Worte Romain Rollands:
"Man soll die Wahrheit mehr als sich selbst lieben, aber seinen Nächsten mehr als die Wahrheit."
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